ein Blick nach innen

Veröffentlicht am 28. April 2026 um 19:32

Ich muss dich enttäuschen. Wenn du hier bist, um Abenteuergeschichten zu lesen, dich in die Welt der Berge versetzen möchtest, kannst du hier bereits damit aufhören. Hinter diesen Geschichten steckt ein Mensch – und solche sind bekanntlich nicht perfekt. Wir reden verhältnismässig kaum über die Zweifel, die Ängste oder das Scheitern, auch wenn sie uns genauso begleiten wie all die Freude und Leidenschaft in uns. Zudem kann ich leider keine heroische Aktion zum Besten geben, da ich mit gebrochenem Bein im Bett liege und mich zwangsläufig mit meinen Gedanken auseinandersetzen muss.

Als ich noch im Gartenbau gearbeitet habe, gab es manchmal diese nasskalten Tage. So kalt, dass man die Finger kaum noch spürte, aber doch warm genug, dass es regnete und die Nässe langsam bis zu deiner Unterwäsche durchdringt. Dazu hatte man das Glück, irgendein Beet zu jäten, das so derb mit hartnäckigem Beikraut übersät war, dass der ganze Aufwand kaum einen längerfristigen Effekt zeigen wird. Um in solchen Momenten seinen Gedanken nicht den Raum zu lassen, die eigene Existenz und vergangene Entscheidungen zu hinterfragen, spielten wir ein Spiel.

Es hiess: «Es könnte schlimmer sein.» Die Regeln waren simpel. Abwechselnd mussten wir steigernd aufzählen, was unsere aktuelle Situation noch schlimmer machen würde. Nachfolgend ein etwas zensiertes Beispiel unserer recht amüsanten und leicht verstörenden gedanklichen Ausflüge:

Sie: Es könnten Brombeeren statt Winden sein. 

Ich: Es könnte am Steilhang sein, wo man kaum stehen kann. 

Sie: Es könnte ein Kunde sein, der jeden Arbeitsschritt beobachtet und offen hinterfragt. 

Ich: Es könnte ein Kunde sein, der fünf Hunde hat, welche dieses Beet als Toilette benutzen. 

(… viele Stunden später) 

Sie: Wir könnten arbeitslos und drogenabhängig sein und uns an irgendeinem verkommenen Unterstand unseren goldenen Schuss spritzen.

Diese Ablenkungstechnik bewährt sich auch heute noch – in unangenehmen Situationen in den Bergen und darüber hinaus. Und generell scheint es mir eine gängige Methode zu sein, wie Menschen mit unschönen Dingen umgehen: Sie sind dankbar, dass es nicht schlimmer ist. Denn Dankbarkeit ist gut, und wir mögen gutes Zeug. Aber steckt dahinter nicht auch ein kleines bisschen Verleugnung? Wir halten viele unangenehme Dinge aus – doch wenn wir zu gut darin werden, sie auszuhalten, verlieren wir dann nicht die Fähigkeit, sie zu verändern? Natürlich insofern sich etwas ändern lässt.

Jedenfalls brach ich mir vor ein paar Tagen das Bein. In den Bergen, beinahe spektakulär, als ich über einen «enormen» Bergschrund absteigen wollte. Ich darf stolz behaupten, dass ich bereits Backflips in Gletscherspalten gemacht habe, Frontflips über Klippen in den weichen Schnee – und noch viele weitere Male mein inneres Kind glücklich habe spielen lassen. Doch manchmal reicht ein kleiner Sprung auf eine kleine Unebenheit, eine zu schnell getroffene Entscheidung, und all deine ausgefeilten Pläne, langjährigen Träume, all dein Training, die Grundlage deiner Zufriedenheit – das zersplittert mit einem geräuschvollen Knacken der Knochen. Man realisiert, mit jedem versuchten Schritt, bei dem man den Fuss nicht belasten kann, dass Geduld dein neuer bester Freund werden muss.

Maurus bei Sonnenaufgang des Unfalltages

Maurus kurz vor dem Col de l'Aiguille Verte

Schöne Aussicht beim warten auf die Rettung.

Das Faszinierende an dieser Situation ist jedoch die Reaktion des Umfelds. Denn praktisch alle sagen genau dasselbe: «Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert.» Ich sehe diesen Punkt. Ich habe dieses Spiel gespielt, als ich auf den Helikopter gewartet habe. Ich habe mir eingeredet, wie viel schlimmer alles hätte sein können – wäre ich ganz in den Bergschrund gefallen, hätte ich beide Beine gebrochen, oder wäre ich irgendwo auf Expedition ohne Rettungsmöglichkeit gewesen. Doch es hat mir nicht geholfen. Ich war wütend, enttäuscht und vor allem schämte ich mich. Für meine Entscheidung und die Konsequenzen.

Ich verstehe, dass es für die Menschen eine logische Reaktion ist, so Trost zu spenden. Und doch konnte ich es irgendwann nicht mehr hören. Denn es verleugnet die Tatsache. Es muss nicht schlimmer sein als es ist, um traurig darüber sein zu dürfen. Es muss nicht immer das schlimmste Szenario sein, um sich selbst Mitgefühl zu erlauben. Denn es ist scheisse – trotz all unserer Privilegien. Und Dankbarkeit für alles, was wir sind und was uns umgibt, schliesst nicht aus, dass wir unseren Schmerz annehmen und zeigen dürfen.

Darum kein «Es könnte schlimmer sein» – denn es braucht keinen Vergleich. Wir wollen schliesslich nicht nur aushalten, sondern empfinden. Was wäre der Mensch ohne Gefühle – die guten wie die schlechten.

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